Kulturhauptstadt 2010 und darüber hinausMit der Kulturhauptstadt wurden zahlreiche ambitionierte, auch infrastrukturelle Projekte diskutiert und entwickelt. Nicht alle können schon in diesem Jahr realisiert werden. Dennoch fließt viel Engagement in die erdachten Konzepte, um auch in den Folgejahren die Ideen der Kulturhauptstadt in Bochum nachhaltig voranzutreiben.
Insbesondere die Projekte ViktoriaQuartier, die Bochumer Symphonie und der Platz des Europäischen Versprechens müssen aus diesem Blickwinkel betrachtet werden. Alle Vorhaben stehen nach wie vor auf der Tagesordnung.
Bochum hat das Konzept der Kreativquartiere gemeinsam mit der RUHR.2010 für die Metropole miterarbeitet. Das ViktoriaQuartierBochum in der südlichen Bochumer Innenstadt wurde zur Blaupause für ähnliche Palnungen, wie etwa das Dinslakener Kreativ.Quartier Lohberg im ländlichen Raum und inspirierte andere große Ruhrgebietsstädte dazu, ihr kreatives Potential stadtplanerisch ähnlich zu entwickeln. Das zwischen Schauspielhaus, Bermuda3Eck und Marienkirche gelegene Areal bietet außergewöhnliche Voraussetzungen für einen urbanen und kreativen Erlebnis- und Aktivitätsraum, für den RUHR.2010 eine wichtige Initialzündung ist. Das Besondere an dem Areal: Mitten in der Bochumer Innenstadt ist Raum, um das bereits vorhandene kreative Leben auch infrastrukturell weiter zu etablieren.
Die Neugestaltung der Kortumstraße im Bermuda3Eck, in dessen Umfeld sich bereits zahlreiche Kreative angesiedelt haben, wurde 2009 abgeschlossen. Auf Initiative von Bochumer Künstlern und Kreativen haben sich für RUHR.2010 am westlichen Rand des ViktoriaQuartiers die Projekte „Freies Kunst-Territorium Diekampstraße“ und „Rottstr5“ etabliert, für deren Anbindung an das geplante Kreativviertel bereits Konzepte entwickelt werden. Das „prinz-regent-theater“, eine von Deutschlands renommiertesten Off-Theater-Bühnen, ist nach wie vor an einer Spielstätte im Umfeld des Kreativviertels interessiert. Im Bereich des CityTors Süd beabsichtigt die “Pianofortefabrik Ferd. Thürmer” ein Gebäude im ViktoriaQuartier zu beziehen. Das von Leo Bauer und Frank Goosen geplante “Cafe Industrie” will in diesem Jahr noch eröffnen. Der Fachbereich 3 der Folkwang Universität, die „darstellenden Künste“, werden absehbar in der bisherigen Thürmer-Immobilie an der Friederikastraße zusammengeführt.
Noch größere Tragweite für die Entwicklung des ViktoriaQuartiers hat der Bau einer Bochumer Symphonie. Noch nie hat es ein so starkes finanzielles bürgerschaftliches Engagement in der Region gegeben, wie für die Bochumer Symphonie. Ihr Bau ist dadurch ein außergewöhnliches „Public Private Partnership“-Projekt, mit dem die Stadt Bochum trotz der äußerst angespannten wirtschaftlichen Situation sehr verantwortungsvoll umgeht. Nach wie vor besteht die feste Absicht, dass eine Spiel- und Probenstätte für die Bochumer Symphoniker gebaut werden soll. Denn an der Wirkung einer solchen Spielstätte für die Entwicklung des Kreativviertels besteht kein Zweifel.
Das gleiche gilt für die kulturelle Nutzung der Marienkirche. Schon heute wird der Kirchenbau als Übungshalle von den jungen Artisten des „Urbanatix“-Projektes genutzt. Dort proben die Street-Künstler bereits jetzt in der gleichen Art, wie es für die angestrebten Artistenschule geplant ist. “Urbanatix” geht als nachhaltiges Konzept also weit über 2010 hinaus und ist nur ein Baustein von vielen, die zu der Vision des ViktoriaQuartiers gehören.
Ein ganz besonderes künstlerisches, städtebauliches und auch gesellschaftliches Projekt wird, wenn die Finanzierungsprobleme gelöst sind, RUHR.2010 in Bochum abschließen. Nach Plänen des Künstlers Jochen Gerz wird aus dem Platz vor der Christuskirche neben dem Bochumer Rathaus der „Platz des Europäischen Versprechens“.
Bereits 13.000 Bürgerinnen und Bürger, nicht nur aus Bochum, sondern aus ganz Europa haben ihr Versprechen bereits abgegeben und folgten damit eindrucksvoll dem künstlerischen Aufruf von Jochen Gerz, sich Europa zu stellen. Die Resonanz auf dieses Projekt hat alle Erwartungen der Initiatoren und der Stadt Bochum weit übertroffen. Die geplanten Namensplatten sind als Kontrast zur „Heldengedenkhalle“ im Turm der Kirche gedacht. Dieses Kriegerdenkmal von 1931 bringt Listen mit den Namen der im ersten Weltkrieg Gefallenen und der damaligen „Feindstaaten“ und ist somit ein historisches Dokument der Feindschaft zwischen den europäischen Völkern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die neuen Namensplatten verdeutlichen, wie sich das Verhältnis der Völker in Europa gewandelt hat, aber auch, dass am Verhältnis der Völker in der Zukunft ständig weiter gearbeitet werden muss. Die Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 ist dafür ein wichtiger Baustein.
Die große Vision, die den Kern von RUHR.2010 ausmacht, ist, dass 53 Städte und Gemeinden des Ruhrgebiets sich als eine kulturelle Metropole Ruhr darstellen. Angesichts der leeren kommunalen Kassen gewinnt diese Zusammenarbeit, die für RUHR.2010 eindrucksvoll in die Wege geleitet wurde, eine ganz besondere zukunftsweisende Bedeutung. So können die einzelnen Städte und ihre Kulturinstitutionen während RUHR.2010 entdecken, wie effektiv eine Zusammenarbeit ist. Das heißt, Bochum und die Städte der Metropole Ruhr müssen die jeweiligen lokalen Stärken und Schwerpunkte definieren, um sich dann – fernab jedweder nachbarschafticher Konkurrenz – auf das zu konzentrieren, was jede Stadt gut kann, und dies in das städteübergreifende kulturelle Schwerkraftfeld „Metropole Ruhr“ einzubringen.
RUHR.2010 hält einige Paradebeispiele bereit, z.B. das „Henze-Projekt“, in dem 40 Partner aus der gesamten Region zusammenarbeiten, um eine einzigartige Hommage an den Komponisten und Vordenker der Neuen Musik auf die Beine zu stellen. Auch haben sich die Museen der Region als „RuhrKunstMuseum“ zusammengeschlossen, und ihr Projekt „Mapping the Region“ definiert das gesamte Ruhrgebiet als kooperative Museumsmetropole, ohne dass die einzelnen Häuser ihr individuelles Profil aufgeben. Das gleiche gilt für die Kunstvereine, die mit „Grenzgebiet Ruhr“ erstmals ein gemeinsames Projekt starten, das ein Kunstverein allein niemals hätte stemmen können. Oder die Künstlerbünde, die sich an den „Starken Orten“ im Ruhrgebiet zusammenfinden. Die Stadttheater im Ruhrgebiet werden auf der Basis der Erfahrungen des RUHR.2010-Projektes „Odyssee Europa“ bewerten können, inwieweit es Sinn macht, auch in der Zukunft als Theater der Metropole Ruhr aufzutreten. Bei den finanziellen Problemen, vor denen sie stehen, werden sie sicher darüber nachdenken, wie sie sich weiterhin untereinander abstimmen können. Zum Beispiel wird man die bisherige Regelung, dass Schauspielhäuser dort nicht werben dürfen, wo es ein anderes Schauspielhaus gibt, sicherlich aufweichen.
Michael Townsend
Stadtrat für Kultur, Bildung und Wissenschaft